Berlin, 22.03.2011

Petra Merkel predigt in der Luisenkirche

Die Bundestagsabgeordnete Petra Merkel hat am Sonntag, dem 20. März 2011, in der Luisenkirche in Charlottenburg eine Predigt unter dem Titel "Musik verbindet - Von der interreligiösen Kraft der Musik" gehalten. Als Präsidentin des Chorverbandes Berlin hat sich Petra Merkel im vergangenen Jahr sehr intensiv für das Chorfestival Zimriya in Jerusalem eingesetzt, das musikalisch Menschen verschiedener Kulturen und Religionen zu verbinden sucht. Könnte ein solches Musikfestival auch Vorbild für den interreligiösen Dialog in Berlin sein? Dieser Frage ging die Abgeordnete als Gast im Focus-Gottesdienst nach.

Hier die Predigt im Wortlaut:

Liebe Luisen-Gemeinde,

als Politikerin ist es jetzt für mich das zweite Mal, in einer Kirche einen Gottesdienst mit zu gestalten – und mein Puls schlägt deutlich höher als bei einer Rede vor dem Deutschen Bundestag. Ich bedanke mich für die Einladung zum Focus-Gottesdienst und bin gespannt auf den Gedankenaustausch danach.

In Vorbereitung auf eine Mitwirkung in einem Gottesdienst lasse ich mich immer beraten – Dank an meinen ehemaligen Mitarbeiter, Max Droll, der sich aktiv in der Grunewaldkirche engagiert und Dank auch an meinen Fraktionskollegen Fritz Rudolf Körper aus Rheinland Pfalz, der Pfarrer von Beruf ist. In erster Linie ist es allerdings immer eine Auseinandersetzung mit mir selbst.

Herr Pfarrer Kunkel hat das Thema angeregt:
Musik verbindet
Von der interreligiösen Kraft der Musik

Und dieses Thema greife ich besonders gern auf.

Zu meiner Arbeit als Bundestagsabgeordnete gehört es - nach meinem Anspruch - mich ehrenamtlich zu engagieren. Dabei habe ich die Möglichkeit, an mich herangetragene Wünsche, Aufgaben, manchmal auch Vorstandsarbeiten mit meinen Interessen und gesellschaftlichen Ideen zu verbinden.
Eine dieser ehrenamtlichen Tätigkeiten ist es, als Präsidentin des Berliner Chorverbands gemeinsam mit vielen Ehrenamtlichen und wenigen hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die vielen Chöre in der Stadt zu unterstützen. Im Berliner Chorverband sind 230 Chöre organisiert, davon 28 Kirchenchöre – auch der Berliner Figuralchor, der zu Ihrer Gemeinde gehört, ist Mitglied im Berliner Chorverband.
Das sind „Ihre“ 60 Sängerinnen und Sänger von insgesamt an die 10.000.

Ich habe einen Tipp bekommen von Herrn Pfarrer Kunkel – wo ich in der Bibel etwas zum Singen finde (ja, auch über google!). Und ich habe mich entschieden für
Kolosser 3, Vers 12 bis 17

Der alte und der neue Mensch
Den alten Menschen lasse ich gleich beiseite – Sie können sich vorstellen, dass der mit Fehlern und Schwächen behaftet ist.
1 Seid ihr nun mit Christus auferstanden, so sucht, was droben ist, wo Christus ist, sitzend zur Rechten Gottes. (Kol 2,12)
2 Trachtet nach dem, was droben ist, nicht nach dem, was auf Erden ist. (Mt 6,33)
3 Denn ihr seid gestorben, und euer Leben ist verborgen mit Christus in Gott. (Röm 6,2)
4 Wenn aber Christus, euer Leben, sich offenbaren wird, dann werdet ihr auch offenbar werden mit ihm in Herrlichkeit. (1Kor 15,43)
5 So tötet nun die Glieder, die auf Erden sind, Unzucht, Unreinheit, schändliche Leidenschaft, böse Begierde und die Habsucht, die Götzendienst ist. (Eph 5,3)
6 Um solcher Dinge willen kommt der Zorn Gottes über die Kinder des Ungehorsams. (Eph 5,6)
7 In dem allen seid auch ihr einst gewandelt, als ihr noch darin lebtet.
8 Nun aber legt alles ab von euch: Zorn, Grimm, Bosheit, Lästerung, schandbare Worte aus eurem Munde; (Eph 4,29)
9 belügt einander nicht; denn ihr habt den alten Menschen mit seinen Werken ausgezogen (Eph 4,22)
10 und den neuen angezogen, der erneuert wird zur Erkenntnis nach dem Ebenbild dessen, der ihn geschaffen hat. (Eph 4,24)

Interessant ist der neue Mensch!!!

12 So zieht nun an als die Auserwählten Gottes,
als die Heiligen und Geliebten, herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld;
13 und ertrage einer den andern
und vergebt euch untereinander,
wenn jemand Klage hat gegen den andern;
wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr! (Eph 4,2)
14 Über alles aber zieht an die Liebe,
die da ist das Band der Vollkommenheit. (Röm 13,8)
15 Und der Friede Christi,
zu dem ihr auch berufen seid in "einem" Leibe,
regiere in euren Herzen;
und seid dankbar. (Phil 4,7)
16 Lasst das Wort Christi reichlich unter euch wohnen: Lehrt und ermahnt einander in aller Weisheit;
mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern
singt Gott dankbar in euren Herzen. (Eph 5,19)
17 Und alles, was ihr tut mit Worten oder mit Werken, das tut alles im Namen des Herrn Jesus und dankt Gott, dem Vater, durch ihn.

Da die Meinung verbreitet ist, Abgeordnete sähen es immer auf die Stimme der Bürgerinnen und Bürger ab, trifft dies bei der Chorverbandsarbeit wortwörtlich zu. Dabei singe ich selbst noch nicht in einem unserer Chöre mit. Aber ich bin seit Jahren diejenige, die zu Familienfeiern, Jubiläen und manch öffentlichem Ereignis unterschiedliche Menschen zum Singen bringt.

Dabei fing sicherlich mein Singen mit meiner Mutter und Großmutter an, im evangelischen Kindergarten und – nicht zu vergessen – in der großen roten Backsteinkirche in Frohnau.

Dieses Gefühl, ein Teil des Ganzen zu sein, ist mir noch in Erinnerung und auch heute immer wieder unbeschreiblich. Dabei habe ich vor dem 1. Ton beim ersten Lied in einem Gottesdienst immer ein seltsames Gefühl von Neugier, Anspannung, fast Lampenfieber – und dann setzen zaghaft meist die unterschiedlichen Stimmen ein, und egal wie unterschiedlich die Menschen singen – sie singen mit einer besonderen Kraft. Beschrieben ist das im letzten Teil des Verses 16, dort heißt es:

„Mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern singt Gott dankbar in euren Herzen…“

Mein kleiner Enkel Max, 4 Jahre, hört fast andächtig zu, wenn andere singen – und singt mit Inbrunst und selbstvergessen, wenn er allein beim Spielen ist.
Uns Erwachsenen geht es nicht anders: Singen ist auch ein Besinnen auf sich selbst. Es macht zugleich offen. Offen für Geistiges, offen für Religiöses.

Singen spiegelt unsere Stimmung. Singen kann bei Trauer trösten oder Glücksgefühle verstärken. In jeder Lebenssituation wird gesungen: an der Wiege, beim Spielen als Kind, in der Schule (Und wir brauchen wieder an jeder Schule einen Chor!!!) – es wird gesungen, wenn man liebt – wenn die eigenen Kinder auf der Welt sind – bei den Enkelkindern – und am Ende des Lebens. Singen begleitet uns ein Leben lang.

Singen schlägt in den größten Menschheitskatastrophen Brücken der Gedanken, des Mitleids, des Mitgefühls und der Solidarität. Konzerte für Japan machen das zur Zeit deutlich und zeigt die Anteilnahme vieler Menschen in unserer Stadt.
Singen mit anderen bietet eine wunderbare Möglichkeit, Gemeinsames in den Vordergrund zu stellen und das Unterschiedliche zu überwinden.

Nehmen Sie die vielen Chöre, in denen Menschen unterschiedlicher Kulturen, unterschiedlicher regionaler und sozialer Herkunft ihre Freizeit gestalten. Die Seniorenchöre, bei deren Interpretationen die Lebenserfahrung mit klingt. Oder ein Musterbeispiel in Berlin: der Berliner Straßenchor. Einem phantastischen Musiker und im Herzen sicherlich Sozialarbeiter, Stefan Schmidt, ist es gelungen, dass Menschen, die auf der Straße leben, ohne Obdach sind, vom Rand der Gesellschaft wieder einen Platz in der Gesellschaft finden – fast wie ein Wunder haben sie durch das regelmäßige Treffen im Chor, das Singen miteinander, durch die Musik neue Energie geschöpft. Viele haben inzwischen wieder ein Dach über den Kopf, sie sind zum Teil von der Sucht losgekommen, manche haben wieder Arbeit. Alle haben ein neues Lebensgefühl bekommen in einer Chorgemeinschaft, in der es auf jede und jeden ankommt.

Vers 11 Da ist nicht mehr Grieche oder Jude, Beschnittener oder Unbeschnittener, Nichtgrieche, Skythe, Sklave, Freier, sondern alles und in allen Christus. (Gal 3,28)

Es gibt große Chorprojekte, die sind prägend für alle, die daran teilgenommen haben. Zum Beispiel das Zimriya-Chorfestival vom August letzten Jahres. Fünf Berliner Chöre sind nach Israel gefahren: der Mädchenkammerchor des Georg-Friedrich-Händel-Gymnasiums, der hardCHOR Ella, der Erich-Fried-Chor, die Primaner (der Jugendchor des Georg-Friedrich-Händel-Gymnasiums) und der Chor der Humboldt-Universität von Berlin. 205 Sängerinnen und Sänger.

Zimriya – das große gemeinsame Singen – findet alle 3 Jahre in Jerusalem statt. Beim 22. Zimriya-Festival waren es 18 Chöre aus Israel – 16 Chöre aus dem Ausland. Ursprünglich bestand noch die Hoffnung auf eine Teilnahme von Sängerinnen und Sängern aus Palästina. Das ist leider nicht gelungen.
Mittelpunkt des Festivals war der Campus der Hebräischen Universität auf dem Skopus-Berg. Mit Blick über den Ölberg, über das alte und moderne Jerusalem und im Osten das Westjordanland…

Auf dem Uni-Gelände wurde gegessen, geschlafen, in Workshops gearbeitet, geprobt. Die Ergebnisse wurden abends präsentiert. Die Abschlusskonzerte fanden in der Atzmaut Hall auf dem Campus und in der Convention Hall in Jerusalem statt.
Unsere fünf Berliner Chöre traten auch als ein gemeinsamer Chor auf und begeisterten nach intensiven Proben mit einem „Shalom-Konzert“.

Natürlich waren die Sängerinnen und Sänger auch Touristen und erkundeten Israel, das Heilige Land.
Und wer einmal in diesem Land war, der vergisst es nicht!

Hat dieses Chorfestival eine interreligiöse Kraft?
Es hat eine Kraft über den Horizont der eigenen Religion hinaus, eine Kraft des gemeinsamen Arbeitens, der gemeinsamen Verantwortung, der gemeinsamen Freude – des Verbindenden, statt des Trennenden. Diese Kraft überwindet nicht die Vielfalt der Religionen, sie nutzt sie zur gemeinsamen Verständigung und zur Bereicherung aller.
In Respekt voreinander. Und in dem Glauben, dass das Gute einer jeden Religion zum Wohle aller Menschen wirkt.

Vers 14
Über alles aber zieht an die Liebe, die da ist das Band der Vollkommenheit. (Röm 13,8)

Sie fragen sich vielleicht – könnte ein solches Zimriya-Festival nicht Vorbild für Berlin sein?
Es passiert ja schon Einiges in diese Richtung. zum Beispiel „48 Stunden Neukölln“ – ein seit Jahren erfolgreiches Kultur- und Kunstfestival. Am 19.Juni wird dort ein Chorfest stattfinden – übrigens auch mit dem „Shalom-Chor“, also dem Berliner Gemeinschaftschor, der sich für Zimriya zusammen getan hat. Sie können ihn also am Sonntag, dem 19.6., auf dem Richardplatz erleben.
Noch eine Einladung:
Ich kann Sie auch schon heute auf ein Deutsch-Israelisches Chorkonzert hinweisen: Der Eshkol-Chor aus Israel und der Chor der Humboldt-Universität treten gemeinsam am 29. April um 18.00 Uhr in der Sophienkirche in Mitte auf. Im Rahmen des Zimriya-Festivals gastierte der Universitätschor im Kibbuz Magen (drei Kilometer vom Gazastreifen entfernt …) und gestaltete dort mit dem Gemischten Chor mehrerer Kibbuzim der Region Eshkol unter Leitung von David Morse ein gemeinsames Konzert. Nun kommt der Eshkol-Chor zum Gegenbesuch! Sie sehen, die Verbindung geht über eine Begegnung in Israel hinaus! Wie schön!!!

Pfarrer Kunkel hat bereits im Hinweistext auf den heutigen Focus-Gottendienst formuliert, ob durch ein großes Chorfest der interreligiöse Dialog verstärkt werden könnte?
Eine interessante Idee. Lassen Sie mich einmal kurz darüber nachdenken und ich bin sicher, wir werden im anschließenden Gespräch auch darüber noch einmal reden können:

Erst einmal: Wo könnte so ein Chorfest stattfinden, wenn nicht in Berlin! Dieser Stadt der Vielfalt, in einer Stadt, in der Menschen unterschiedlicher Religionen zu Hause sind. Um sich zu treffen, braucht es allenfalls die S-Bahn oder die BVG.
Ich bin im Vorstand der Gesellschaft für Christlich-jüdische Zusammenarbeit in Berlin. Sie wissen vielleicht, dass am vergangenen Sonntag die Woche der Brüderlichkeit 2011 begann: Diesmal unter dem Motto „Aufeinander hören – miteinander leben.“ Im Rahmen der Woche der Brüderlichkeit finden über Monate hinweg diverse Veranstaltungen statt. Die jährliche Woche der Brüderlichkeit böte einen guten Rahmen. Es tritt sich gut, dass in der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit es immer wieder Initiativen gibt, auch die muslimischen Vertreter und sicherlich auch Vertreter anderer Religionen mit ein zu beziehen.

Warum soll es also nicht gelingen, ein interreligiöses Chorfestival auf die Beine zu stellen!? Es braucht einen besonderen Raum der Offenheit, daran mangelt es nicht in Berlin. Es braucht ein gemeinsames Thema – auch darüber wird man sich verständigen können. Es wird für viele Menschen neue Erfahrungen bringen. Der Leiter des Chors der Humboldt-Universität sagte mir: „Allah singt sich völlig anders als Gott…“

Ein solches Festival braucht allerdings Menschen, die es wollen, die ihre Energie, ihre Kraft für diese Idee aufbringen einsetzen. Wenn ich sehe, welch musikalisches Potential allein Ihre Gemeinde besitzt – kann ich Sie nur ermuntern: Gehen Sie voran. Und ich verspreche Ihnen, ich bin an Ihrer Seite!

Zum Schluss noch einmal Vers 16
Lasst das Wort Christi reichlich unter euch wohnen: Lehrt und ermahnt einander in aller Weisheit;
mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern
singt Gott dankbar in euren Herzen. (Eph 5,19)

 

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 22.03.11 um 12:52 Uhr
Kategorie(n): Aus Charlottenburg-Wilmersdorf, Aus Berlin, Termine von Petra Merkel